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Chorbiographie

©Stephan Trierenberg

Lebensleidenschaft


Der Wiener Singverein

Sie leben nicht vom Singen, aber in vieler Hinsicht für das Singen. Und wenn sie zu Proben oder Konzerten ins Musikvereinsgebäude am Wiener Karlsplatz kommen, dann kommen sie nicht zum Dienst, sondern vom Dienst – aus Büros, Kanzleien, Arztpraxen, Unterrichtsräumen … Was sie verbindet, ist die Leidenschaft fürs Singen. Was sie leben, ist die Kunst der Verwandlung. Seit mehr als 150 Jahren beweist der Wiener Singverein, dass Amateure Musik auf höchstem Niveau machen können. Der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zählt, beständig über die Zeiten hinweg, zu den besten Konzertchören der Welt.

Amateur sein heißt: Liebender sein. Und Musikliebende waren es, die 1812 die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ins Leben riefen. Dass sie diese Liebe nicht nur als Hörende pflegen wollten, sondern auch als Musizierende, verstand sich von selbst. Für die „Chorübungsanstalt“ der jungen Gesellschaft wurde, höchst ambitioniert, Antonio Salieri als Leiter verpflichtet.

1858 entschloss sich die Gesellschaft der Musikfreunde zu einer neuen Organisation ihres Musiklebens. Während die Instrumentalmusik längst in die Hände von Profis übergegangen war, sollte die Chormusik die Domäne der Liebhaber bleiben – dies aber in einer neuen, hocheffizienten Form. So entstand der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien als Zweigverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Mit dem jungen Johann Herbeck am Pult erreichte der neu formierte Chor von Beginn weg ein Spitzenniveau, das ihn zum begehrten Interpreten bedeutender Uraufführungen machte. So hob der Singverein 1867 die ersten drei Sätze des Brahms-Requiems aus der Taufe und sang bei den Premieren von Bruckners „Te Deum“, Mahlers Achter Symphonie und Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“.

Die Kunst der Verwandlung: In den mehr als 150 Jahren seiner Geschichte hat der Wiener Singverein die Kunst fertig gebracht, sich als Amateurchor wandelnden Musikverhältnissen anzupassen und dabei stets ein internationales Top-Ensemble zu bleiben. Mit Herbert von Karajan trat er tonangebend ins Medienzeitalter ein. In einer einzigartigen, mehr als vier Jahrzehnte dauernden Partnerschaft sang der Chor unter Karajan rund 250 Konzerte in Europa, Japan und den USA und war sein exklusiver Partner bei Oratorienaufnahmen auf Schallplatte und Video.

Mit Johannes Prinz – Chordirektor seit 1991 – ging der Wiener Singverein als vielgefragter und stilistisch höchst flexibler Konzertchor ins 21. Jahrhundert. Der Chor arbeitet heute regelmäßig mit den international wichtigsten Dirigenten zusammen, darunter Daniel Barenboim, Bertrand de Billy, Pierre Boulez, Vladimir Fedosejev, Mariss Jansons, Fabio Luisi, Zubin Mehta, Riccardo Muti, Seiji Ozawa, Georges Prêtre, Sir Simon Rattle, Franz Welser-Möst und Christian Thielemann.

Unter Thielemann war er 2010 Partner der Wiener Philharmoniker bei einer DVD-Neuproduktion der Beethoven-Symphonien. Ebenfalls 2010 erschien eine Live-Aufnahme des Dvořák-Requiems mit dem Concertgebouworchester Amsterdam unter Mariss Jansons. Weitere international vielbeachtete Schallplattenaufnahmen des Wiener Singvereins entstanden zuletzt mit Mahlers Zweiter und Dritter Symphonie unter Pierre Boulez – die Einspielung der Dritten wurde mit dem Grammy ausgezeichnet.

Künstlerisch zu Hause ist der Singverein im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, dessen Konzertleben er durch seine vielen Verpflichtungen entscheidend prägt. Daneben wird er regelmäßig zu internationalen Gastauftritten eingeladen. So konzertierte er mit den Berliner Philharmonikern 2006 unter Simon Rattle in Turin und 2009 unter Franz Welser-Möst bei den Salzburger Osterfestspielen, sang 2007 erstmals in Moskau, reiste 2008 und 2009 nach Paris und Amsterdam und war 2009 Gast im japanischen Osaka.

Im Herbst 2010 singt er unter Christian Thielemann Mahlers Achte Symphonie in München. Dorthin hatte, vor genau hundert Jahren, die erste Chorreise des Singvereins geführt – zur Uraufführung von Mahlers Achter in München! Die Resonanz der Geschichte gehört zu den Obertönen im Chorklang des Wiener Singvereins.

Muss man noch fragen, warum das Singen in diesem Chor eine Leidenschaft fürs Leben ist?
(Joachim Reiber)